Hinter selbst gewählten Gittern
Laß dich doch krankschreiben, haben ihr die
Demonstranten zugerufen, als sie ihren Dienst
in Dannenberg an getreten hat. Doch daran
habe sie keine Sekunde gedacht, sagt Tanja B.
Seit Freitag ist die 22 Jahre alte Polizeimeisterin
im Einsatz, um dafür zu sorgen, daß der Castor
Transport sicher ins niedersächsische Gorleben
gelangen kann.
Daß sie ihre Pflicht erfüllt, bedeutet freilich nicht, daß
sie von ihrer Aufgabe überzeugt ist. Wenn ich die Wahl
hätte, würde ich lieber demonstrieren als den Castor
verteidigen, sagt Tanja B., die zum ersten Mal bei dem Transport
dabei ist. Denn sie ist sich sicher, daß radioaktive
Strahlung aus den sechs Behältern dringt und der Umgebung Schaden
bringt. Doch sie hat nicht die Wahl, und deswegen muss sie nun jene , die
ihrer Ansicht nach recht haben , zurück drängen…
Dieses Zitat aus einem Zeitungsartikel zeigt besser als jede theoretische
Herleitung, wie wir uns programmiert haben. Tanja B. glaubt, keine Wahl
haben, und die angesehene Frankfurter Allgemeine Zeitung bestätigt die
arme Polizistin: Keine Wahl! Sie ist wirklich zu bedauern!
Tatsache aber ist: Tanja B. hat Preise verglichen, und der Preis der
Einsatzverweigerung war ihr zu hoch. Vielleicht wäre es das Ende ihrer
Polizeikarriere gewesen. Vermutlich hätte sie sich den Ärger ihrer
Kollegen zugezogen. Sicher wollte sie nicht als feige gelten. All das wollte
sie vermeiden. Das ist allemal verständlich und auch ich kann ihr Dilemma
lebhaft nachempfinden. Aber es ändert nichts an der Tatsache, daß sie sich
entschieden hat. Sie hatte die Wahl, und sie hat sich für eine der
Möglichkeiten entschieden. Und genau diese Wahl ist zu ehren und zu
würdigen — und nicht zu bedauern.
kam ich mit einem Beamten ins
Gespräch, der sich über die weitaus
besseren Verdienstmöglichkeiten in der
Wirtschaft beklagte. Ich wandte ein: Als
Sie Beamter wurden, wussten Sie doch,
daß Sie mit dieser Wahl auf die Chance
verzichtet haben, große
Einkommenssprünge zu erzielen.
Ausserdem können Sie doch jederzeit
Ihren Beamten Status aufgeben und sich
einen Job in der Wirtschaft suchen. Aber
die Arbeitsplatz—Sicherheit, der
Leistungsdruck, die Pension…..
Darf ich es in meinem Leben so
haben, wie ich es gerne hätte? Sie
haben es so! Auch wenn es sich noch so
hart anhört: Sie sind nicht gezwungen
worden, Ihr Leben in der gerade
praktizierten Form zu leben. Dem liegen
Entscheidungen und damit abgelehnte
Alternativen zugrunde. Mögen diese auch
noch so abwegig sein. Immer dann, wenn
Sie anfangen, über etwas zu lamentieren
— dann haben Sie vergessen, daß Sie es
sich ausgesucht haben.
Viele Angestellte rechtfertigen ihre
Versetzung in eine andere Stadt oder gar
in ein anderes Land gegenüber ihrer
Familie oft damit, daß sie keine andere
Wahl gehabt hätten. Ich will nicht
Entscheidungsprozesse verharmlosen, die
persönlich oft als dramatisches
Wechselbad der Gefühle erlebt werden.
Ich kenne diese innere Zerrissenheit aus
eigener Erfahrung und weiß, wie
belastend sie ist. Wenn sie sich aber so
entschieden haben, und was immer sie
auch empfinden: Sie haben die
Ansprüche ihrer Familie abgewählt
zugunsten der Ansprüche ihres
Unternehmens.
Vielleicht bedroht diese Klarheit ihr
Rollenverständnis vom guten Vater oder
der guten Mutter. Vielleicht wollen
sie trotz ihrer Absage an die Belange der
Familie als für sorglicher Elternteil
gelten. Da ist es nahe liegend, auf einen
bekannten Trick zurückzugreifen: Die
anderen werden Verständnis haben, wenn
sie erzählen, daß sie doch letztlich keine
Wahl gehabt hätten. Doch. Die hatten sie.
Sie wollen aber für ihre Entscheidung
nicht geradestehen. Wie Kinder, die
glauben, nicht gesehen zu werden, wenn
sie die Augen schließen.